Der ÖPNV in Schneidhain

Oder: warum es nach Frankfurt und Königstein nur ein Katzensprung ist, aber man trotzdem am Ende der Welt ist …

Wie der aufmerksame Zeitungsleser oder ÖPNV-Benutzer (öffentlicher Personen-Nah-Verkehr) mitbekommen konnte, hakte es in der Vergangenheit immer wieder. So war z.B. Schneidhain komplett per Bus nicht mehr erreichbar, weil die Straße zwischen Schneidhain und Fischbach wegen Bauarbeiten gesperrt war. Es wurde von den Verantwortlichen erst auf öffentlichen Druck hin ein sehr beschränkter Ersatzverkehr eingerichtet; die dazugehörigen Information erfolgten teilweise gar nicht oder falsch. Wie kann das sein? Die Hintergründe versuche ich hier auszuloten.

Wer meint, der RMV mache die Musik, liegt nur zu allerhöchstens der Hälfte richtig. Dem RMV unterstehen die Bahnstrecken und einige Regionalbuslinien, wie z.B. die Linie 263 durch Schneidhain. An diesen sind jedoch die betroffenen Kreise/Kommunen zumindest kostenmäßig um 50% beteiligt. Der RMV deckt nur ein Grundangebot ab. Zusatzfahrten, z.B. abends oder für Schulen, lässt sich der RMV ganz bezahlen. So kommt es, dass die Linie 263 abends und am Wochenende bei uns fast gar nicht fährt.

Der Main-Taunus-Kreis schickt für seine Schüler aus Eppstein und Fischbach, die Schulen in Königstein besuchen, die Linie 815 auf den Weg. Dass diese Linie durch Schneidhain fährt, ist eine geografische Notwendigkeit.

Anders als z.B. Oberursel oder Kronberg hat die Stadt Königstein keine eigenen Stadtbusse. Stattdessen beauftragt sie den Kreis, ausreichend Busse in Königstein fahren zu lassen. Dafür bezahlt sie eine ÖPNV-Umlage an den Verkehrsverband Hochtaunus (VHT). Die VHT bezahlt davon z.B. den kilometermäßigen Anteil an den Kosten der Linien 263 und 815 auf Königsteiner Gemarkung.

Wie sich im September 2011 auf dramatische Weise gezeigt hat, verzichtet die VHT trotz der Zahlungen auf eine Mitsprache bei der Fahrplangestaltung dieser Linien.

 

Wer alles organisiert, die Linien und die Takte festlegt: die Besteller.

Königstein liegt im Hochtaunuskreis. Der Verkehrsverband des Kreises ist der Verkehrsverband Hochtaunus (VHT). www.verkehrsverband-hochtaunus.de

Im Norden und Westen grenzt der Rheingau-Taunus Verkehrsverband (RTV) an. www.r-t-v.de

Nach Süden liegen z.B. Bad Soden, Kelkheim und Hofheim: im Main-Taunus-Kreis. Der Verband dazu heißt Main-Taunus-Verkehrsverband (MTV). www.mtv-web.de (Sitz Hofheim)

Der Dachverband ist der Rhein-Main-Verkehrsverband (RMV). www.rmv.de (Sitz Hofheim)

Wer die Passagiere befördert: die Verkehrsgesellschaften, die Betreiber.

  • FKE       Frankfurt-Königsteiner Eisenbahn, jetzt HLB
  • HLB       Hessische Landesbahn, vormals FKE
  • K-Bahn  siehe HLB und FKE
  • Sippel    Wallau - heute Netinerna (Italien)
  • Mester   Bremthal
  • RKH      Regionalverkehr Kurhessen (=DB Regio)

Nummernwirrwarr der Linien.

Zu welchem Verbund die Linien gehören, erkennt man zum einen an den Nummern. Zum anderen sieht man es auch daran, wo die Linie herkommt.

  • Zweistellige sind lokale Linien.
  • Dreistellige gehören dem RMV.
  • 800er Nummern gehören zum Main-Taunus-Kreis.

Ausnahmen:

  • 805: gehört zum RMV.
  • Im RTV sind viele Linien dreistellig.

Nummernübersicht.

  • 1-39 Stadtbus Bad Homburg
  • 41-49 Stadtbus Oberursel
  • 71-79 Stadtbus Kronberg
  • 50-59 VHT (Grävenwiesbach)
  • 60-69 VHT (Wehrheim/Usingen)
  • 80-89 VHT (Königstein)
  • 100er westlich von Wiesbaden
  • 200er nördlich von Wiesbaden und überregionales Angebot vom RMV
  • 800er MTV

Sonderfall Schneidhain.

Die Schneidhainer haben das zweifelhafte Glück, es mit drei Verkehrsverbänden und einigen Betreibergesellschaften zu tun zu haben. Schneidhain gehört zu Königstein und damit zum VHT. Will man nach Königstein, fährt man also mit dem VHT – denkt man. Nur die Buslinien sind aber Sache des VHT.

  • Wer mit der K-Bahn fährt, fährt mit dem RMV, weil die Bahnen (außer Straßenbahnen und S-Bahnen) dem RMV unterstehen (z.B. RB12 = K-Bahn). Aber nicht alle Buslinien werden vom VHT organisiert.
  • Wer nach Hofheim oder Kelkheim will, fährt mit dem MTV (z.B. Linie 263).
  • Wer von Königstein nach Glashütten will, fährt mit dem RTV, weil der Bus aus Idstein kommt (z.B. Linie 226).

Will man aber von Königstein nach Bad Homburg, kann man die Linie 261 benutzen. Die gehört aber wider Erwarten nicht dem VHT, sondern dem RMV.

Also: Man muss es schon vorher wissen, wem welche Linie „gehört“, wen man sich Informationen beschaffen will oder sich beschweren möchte.

Wer verantwortlich ist.

VHT, RTV und MTV gehören dem jeweiligen Kreis. Sie sind ein Organ der jeweiligen Kreisverwaltung. Sie sind jeweils für das Kreisgebiet und alle seine Bürger zuständig. Bei uns hat der VHT beispielsweise auch die Verantwortung für die Schülerbeförderung.

Der RMV ist davon wiederum der Dachverband. Der RMV soll die Kreise koordinieren, damit das Angebot flächendeckend ist. Er hat auch die Tarif-Hoheit.

Die Verkehrsverbände treten aber teilweise Gebiete an andere Kreise ab oder haben gemeinsame Linien. Die Gemeinden wiederum zahlen für den „Dienst Nahverkehr“ eine ÖPNV-Verkehrsumlage. Für die Kilometer auf Hochtaunuskreis-Gebiet zahlt der Hochtaunuskreis-Haushalt entsprechend an den anderen Verkehrsverband einen Ausgleich. Siehe dazu auch die Gemeinschaftslinien.

Die Stadtbusse gehören allerdings der jeweiligen Stadt selbst, die auch für die Linien und die Taktung verantwortlich ist.

Gemeinschaftslinien.

  • 261 Königstein – Kronberg – Oberursel – Bad Homburg (RMV)
    Diese Linie fährt im ¼-Stunden-Takt ausschließlich im Hochtaunuskreis. Trotzdem hat der VHT sie nicht auf der Homepage. Noch nicht einmal als Link. Zu finden ist sie beim RMV, aber die Fahrplangestaltung geschieht nach Wunsch vom VHT.
    Kostenschlüssel: 50 % RMV, 50 % Kreis. Extrawünsche zahlt zu 100 % der Kreis, wie z.B. der Nachtbus.
  • 263 Königstein – Schneidhain – Fischbach – Hornau – Kelkheim – Münster – Hofheim
    Diese Linie gehört eigentlich dem RMV, aber der MTV organisiert und bestimmt die Fahrplangestaltung.
    Kostenschlüssel: 50 % RMV, gut 40 % MTV (Hofheim/Kelkheim) und knapp 10 % VHT (Königstein).
  • 223 Idstein – Heftrich – Kröftel – Oberems – Glashütten – Königstein
    Diese Line gehört zum RTV.
  • 815 Königstein – Schneidhain – Fischbach – Eppstein
    Diese Linie gehört zum MTV.

Wo es hakt.

Anfragen zu Schneidhain beantwortet der MTV nicht, obwohl die Linien 263 und 815 von ihm organisiert werden und durch Schneidhain fahren.

Bei Fahrplanänderungen informiert der MTV nur das Höchster Kreisblatt, die Königsteiner Woche wird nicht informiert. Königstein liegt halt leider nicht im Main-Taunus-Kreis und existiert daher für den MTV anscheinend nicht.

Aber es geht noch besser: Die Kreise MTV und RTV kennen zwar noch die Nachbarverbande und deren Linien. Nicht so der VHT. Der VHT ist zwar per Gesetz für die Schneidhainer Linien zuständig, aber der MTV organisiert sie tatsächlich. Für den MTV wiederum ist Schneidhain anscheinend nur ein notwendiger Durchgangsort.

Und der RMV will die Verantwortung an die „lokale Ebene“ abgeben.

Der Schienenverkehr (außer Straßen- und Stadtbahn) ist immer RMV-Sache. Aber natürlich bestimmt bei der K-Bahn der MTV fast alleine. Übrigens: Königstein hat einen kleinen Aktienanteil an der Strecke!
Vor drei, vier Jahren war der VHT noch stolz auf Gemeinschaftslinie 223. Heute kennt er sie nicht mehr.

Über ÖPNV-Umlage belasten der MTV bzw. VHT die Gemeinden.

Fazit.

Königstein bezahlt mit seiner Umlage den VHT; der Hochtaunuskreis bezahlt auch die Kilometer, die die „fremden Linien“ im Hochtaunuskreis unterwegs sind.
Die fremden Linien informieren uns aber nicht, weil wir nicht in deren „Heimat“-Gebiet liegen.
Der RMV schiebt die Verantwortung an die lokalen Ebenen.
Die lokalen Ebenen geben die Aufgaben und die Verantwortung untereinander weiter, pochen aber nicht auf deren Einhaltung.

Dabei wäre es doch einfacher:

  • Der MTV informiert Königstein genauso wie andere Gemeinden im Main-Taunus-Kreis.
  • Der VHT übernimmt die Linien in sein Informationsangebot, die auf VHT-Gebiet unterwegs sind.
  • Der RMV kontrolliert, dass es nirgendwo hakt und geht solchen Beschwerden nach.

Und wer ist dafür verantwortlich? Die Politiker, die im Verkehrsverband sitzen! Das sind bei uns:

„In der Verbandsversammlung des Zweckverbandes ‚Verkehrsverband Hochtaunus‘ wird Königstein jetzt von Yvonne Frfr. von Hodenberg (CDU) als Stimmführerin und Andreas Colloseus (ALK) repräsentiert. Sie werden vertreten von Thomas Boller (CDU) und Hannelore Brill (ALK).“ (Quelle: Königsteiner Woche, 19.5.2011, Seite 2)