Naturschutz.

Neulich habe ich einen Vortrag über den Wald gehört und da ist mir so richtig bewusst geworden, wieviele Ansichten des Waldes es gibt. Jede Benutzergruppe (Förster, Jäger, Wanderer, Sportler, Reiter, Geocacher) stellt eigene Ansprüche an den Wald und was man darin tun darf und was nicht. Und diese Ansichten vertragen sich häufig gar nicht.

Beispiel: Der Jäger möchte eine stabile, gesunde Population mit genau soviel Nachwuchs, dass man seinen eigenen Jagdbedarf decken kann. Der Förster will wenig Wild, denn das verbeißt ihm die jungen Bäume. Und die sollen relativ dicht stehen (was der Wildverbiss verhindert), damit sie möglichst gerade, schnell hoch und astfrei wachsen. Naja, und der Naturschützer möchte mehr tote Bäume dazwischen, mehr ausgebrochene Asthöhlen, mehr "Durcheinander", mehr Unterbewuchs, usw.

Genauso verhält es sich mit dem Naturschutz. Jeder kennt den Begriff und reduziert ihn in aller Regel auf solche Ausdrücke wie "Halte Deine Umwelt sauber!". Doch das reicht bei weitem nicht aus. Hinzu kommt noch, dass das Naturschutzgesetz in den letzten Jahren erheblich verschärft wurde, und dass die neuen Regeln auch teilweise auf den Ämtern noch nicht angekommen sind.

Das führt dann zu solchen Geschichten:

"Neubürger Müller" pachtet eine Obstbaumwiese von der Stadt. Die ist aber leider total verwildert und zugewachsen. Er investiert fast zwei Jahre Arbeit, um sie wieder herzurichten. Er entfernt die ganzen Brombeeren, fällt tote Bäume, entfernt umgestürzte Bäume, führt einen ordentlichen Obstbaumschnitt durch, entfernt auch den ganzen Müll, der sich angesammelt hat, pflanzt neue Obstbäume und mäht regelmäßig einmal im Monat den Unterbewuchs, sodass es nun wieder Gras ist und nicht nur "Unkraut". Es ist alles nun wieder "schön" und "ordentlich" und "aufgeräumt".

Dann geht er voller Freude zur Stadt, um sich für die geleistete Arbeit das wohlverdiente Lob abzuholen.

Aber: Er wird wegen Verletzung des Naturschutzes angezeigt.

Neubürger Müller versteht die Welt nicht mehr was ist passiert?

Neuburger Müller hat schlicht und einfach das Naturschutzgesetz nicht beachtet. Denn: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

Aber was hat er nun falsch gemacht? Es war doch alles ordentlich und schön?

Brombeerhecken: Diese dienen dem Unterschlupf verschiedenster Arten, brechen den Wind und sind, wenn man so will, Vorreiter für den Wald. Und Wald ist in Deutschland der "natürliche" Flächenbewuchs, so wie es in der Taiga Flechten und Moose sind, in der Savanne einzelne Bäume und robuste Gräser.

– Tote Bäume fällen: Tote, stehende wie liegende, Bäume enthalten mehr als 10 x soviele verschiedene Arten, wie lebende Bäume. In den Asthölen nisten bedrohte Vögel und Fledermäuse schlafen unter der Rinde. Das Entfernen der toten "nutzlosen" Bäume zerstört den Lebensraum vieler Arten, die vielleicht nur noch hier leben.

Neue Obstbäume pflanzen: Tusch! Das ist ok.

– Monatlich mähen: Nein, das ist zu oft. Das Biotop "Streuobstwiese" ist nur dann ein Biotop, wenn die Wiese extensiv genutzt wird, also maximal zweimal im Jahr gemäht wird, einmal im Mai/Juni, einmal im August/Spetember (vor der Ernte).

Ja aber, fragt dann Neubürger Müller, was mache ich denn dann? Antwort: Vorher hinschauen. Und wenn man es nicht sieht, jemanden fragen, der sich damit auskennt. Aber: Immer ZUERST hingucken. Hinterher feststellen, was man zerstört hat, ist zu spät.

Ja, und die Kulturlandschaft?

Eine Kulturlandschaft ist, wenn man so will, ein historisches Denkmal der menschengemachten Eingriffe in die Umwelt. Z.B. jede Art von Heide entstand durch Abholzung des Waldes und Beweidung mit Vieh, meist Schafen. Die Schafe fressen den neuen Baumwuchs ab und übrig bleiben nur ausdauernde Sträucher und Gräser – die Heide eben. Ebenso ist es mit den Streuobstwiesen. Alle enstanden über Jahrhunderte dauernde Eingriffe in die Natur.

Die Kulturlandschaft ist doch gar nicht natürlich? Warum soll ich sie dann erhalten?

Weil ihre Artenvielfalt viel höher ist, als ein Feld (Ackerbau) oder sehr viel anders, als z.B. ein Wald an dieser Stelle. Die Artenvielfalt ist es, die eine Kulturlandschaft schützenswert macht.

Aber warum ist es dann nicht in Ordnung, wenn ich aus einem verwilderten Grundstück wieder eine so tolle Streuobstwiese mache?

Weil Neubürger Müller nicht wußte, was sich auf seinem Grundstück tatsächlich tat. Wer weiß, vielleicht hat gerade bei ihm der letzte Neuntöter der Gegend sein Nest oder seine Jagdgründe gehabt, wer will es wissen?

Merke: Ein aufgeräumter Garten hat nichts mit Umwelt- und Naturschutz zu tun, aber auch gar nichts. Und nackte braune Erde, wie man sie häufig unter Rosen sieht ("die Rosen wollen das so") ist einfach nur tot. Und den Rosen ist es egal, nur dem Gärtner nicht, wenn der seine Art der Ordnung auf die Beete übertragen will. Und Rasen/Gras ist sowieso das schlimmste Unkraut – es bringt nicht viel, wuchert alles zu und verdrängt, wenn man es regelmäßig mäht, alle Arten von nützlichen Wildkräutern, die unseren Vögeln und Insekten das Überleben sichern.

Wer schon einmal gesehen hat, wie sich Spatzen und Meisen an den Stängeln der Wildkräuter festhalten und deren Samen picken, der weiß, warum er sich an den Blüten der Wildkräuter erfreuen und sich die Arbeit mit dem Rasenmäher sparen kann.

Biodiversität. Und Mähen außen am Gartenzaun. Und der Komposter im Wald.

Um zu verstehen, wie man Biodiversität und überhaupt die Nautr unterstützen kann, muss man wissen, wie hoch der Nährstoffgehalt des Bodens ist. Im Urwald, wo ja bekanntlichermaßen die Artendichte am höchsten ist, ist der Nährstoffgehalt des bodens nahezu NULL. Jedes kleinste Fitzelchen Nährstoffe wird sofort wiederverwertet. Und weil alles und jedes um Nährstoffe kämpfen muss, haben sich sehr viele verschiedene Wege entwickelt, um an Nährstoffe zu gelangen.

Unser hiesiger Wald wiederum hat eine höhere Nährstoffdichte, als die Streuobstwiese, oder die Heide, oder eine Wiese, auf der Orchideen wachsen (die brauchen praktisch keine Nährstoffe) oder der Klappertopf (der deswegen zum Tiel schmarotzend lebt). Ein Feld eines Bauern oder auch ein wünderschöner Golfrasen sind von daher absolute Artenwüsten und Monokulturen, mit viel zu vielen Nhrstoffen. Was wieder "Unkräuter" anlockt, was wieder Unkrautvernichter bedingt...

Apropos: Darum darf man auch keine wilden Komposter in der angrenzenden Natur anlegen. Darum darf man keinen Apfelbutzen oder die Bananenschale im Wald entsorgen - "es ist doch nur Natur"? Nein eben nicht, es sind zusätzliche Nährstoffe, die den Haushalt aus dem Gleichgewicht bringen. Bei wilden Kompostern siedeln sich dann Brennesseln etc. an, die dann wieder auch in den eigenen Garten kommen - genau das, was man ja nicht will.

Auch in 10 m Entfernung von Bächen gilt das gleiche, denn die Nährstoffe gelangen durch den Boden in den Bach und führen dort zu einer Verschiebung des Nährstoffgehalts, was verschiedene Wasserlebewesen und letztlich die Fische, die man da wieder sehen will, beeinträchtigt...

Das Mähen außen am Gartenzaun ist etwas anders zu bewerten. Man mäht zwar und entfernt das Gras. Aber: Man zerstört den normalen Bewuchs. Man unterstützt einseitig die Rasengräser. Das führt wiederum zu einer Verschiebung der Nährstoffdichte. Durch die fehlenden Kräuter werden die Insekten und damit wieder die Vögel beeinträchtigt. Besonders schlimm ist das dann noch, wenn die angrenzende Fläche sowieso schon ein Naturschutzgebiet ist, oder eine extensive Wiese, oder eine Streuobstwiese. Man hält dadurch keine Unkräuter vom eigenen Garten fern. Man begünstigt nur die falschen Kräuter, nämlich die, die das Mähen überleben. Und Golfrasen ist nunmal ökologisch relativ wertlos. Man zerstört die Natur und das verstößt gegen den Naturschutz. So einfach ist das. Im eigenen Garten darf man das, aber nicht "draußen".