Denkmalschutz und Hauptstraße 37

Was ist eigentlich ein Denkmal?

Anfangs dachte ich nicht wirklich über diese Frage nach, bis mir bewusst wurde, dass ich es eigentlich nicht wusste. Ich fing an zu fragen und bekam dann Erklärungen wie: Das hängt vom Alter ab, von der Kunst, von berühmten Personen usw. usf. ... Alles sehr nebulös, mit dem ich nicht wirklich etwas anfangen konnte.

Auf einer Podiumsveranstaltung zu diesem Thema sagte dann ein Bekannter zu mir: "Wenn das mein Haus wäre, ich würde mir da nicht reinreden lassen, das Haus gehört doch mir!" Das vertrug sich aber nicht mit dem Punkt, dass wir schließlich eine Denkmalschutzbehörde haben. Und schließlich ging mir ein Licht auf:

Ein Denkmal ist alles das, von dem die Allgemeinheit meint,
dass sie es für die Urenkel (=Nachwelt) aufheben will.

Und damit das auch funktioniert und jeder sich daran halten muss, wurde ein Gesetz dazu gemacht, nach dem sich jeder zu richten hat. Was letztlich bedeutet, dass, wenn ich Eigentümer eines Denkmals bin, ich eben nicht mehr freie Hand habe, was damit geschehen soll und darf, sondern dass hier die Allgemeinheit auch ein Wort mitzureden hat und muss.

Wie wird ein Haus z.B. zum Denkmal?

Genauso, wie die Regeln zu einem Denkmal festgelegt werden, ist im Gesetz auch festgelegt, was ein Denkmal ist. Das Landesdenkmalamt hilft dabei, zu entscheiden, was ein Denkmal ist und wie "wichtig" sein Erhalt ist. Je wichtiger, desto mehr Geld läßt es springen für seinen Erhalt. Für den Erhalt ist der Eigentümer zuständig, á la "Eigentum verpflichtet". Das Landesdenkmalamt kann natürlich nicht alle Denkmäler kennen und ist dabei auch auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen und es erstellt auch selbstständig Listen mit Denkmälern.

Kriterien, die ein Gebäude, Ding etc. zum Denkmal machen, könnten sein:

- Das Alter. (alte Burgen)

- Die Bedeutung in der kulturellen Entwicklung. (Z.B. ein Schild an einer Hauswand, das auf die Bauzeit eines Gebäudes eines Vereins hinweist und der Verein war/ist wichtig für den Ort.)

- Ein besonders schönes, gut erhaltenes, etc.pp Beispiel für eine Stilrichtung, Kunst, Religion, etc. (HdB, Kurbad)

Warum ist das nun so ein Hickhack um die Hauptstraße 37?

Nach dem Zeitungsartikel in der Taunus Zeitung vom 3.11.2012 "Schief, eng, lückenhaft – und doch sanierbar?" und diverser Aussagen von Migliedern des Denkmalvereins Königstein und der AG Kulturlandschaft Königstein-Kronberg möchte ich versuchen, die Haltung der Beteiligten aus dem Gedächtnis zu beschreiben.

Der Eigentümer:

Das Haus ist ein Denkmal. Der Eigentümer möchte es wohl erhalten, aber ihm ist es zu teuer. Die Sanierung des Denkmals ist für ihn nicht rentabel. Und der Zuschuss des Landesdenkmalamtes ist damit auch wohl zu niedrig für ihn. Als Argumente führt er diverse Mängel am Gebäude an, um zu belegen, dass es nicht sanierbar sei.
Kolportiert wird, dass er es kaufte, um danebenstehende Geschäfte/Gewerbe kostenkünstig erweitern zu können, also der Abriss bereits geplant war. (Das ist aber nur ein Gerücht!!!)

Architekt und Gutachter, Dreier aus Niederbrechen. Letzterer hat das Haus begutachtet und etwa folgendes festgestellt:

  1. Es ist sanierungsfähig, kann also saniert werden.
  2. Es ist von seiner Bausubstanz, Lage, Alter und Ort her ein Kleinod, also ein sehr wichtiges Denkmal für Königstein.
  3. Das Dach ist neueren Datums (ca. 1800-1850) und nicht passend für das Haus, es drückt die Wände durch sein Gewicht auseinander (damit erklären sich wohl auch die Lücken im Gebälk, wie im Zeitungsartikel dargestellt). Das Dach muss komplett ersetzt werden.
  4. Der Treppenanbau und das vorgelagerte Obsteck sind ebenfalls neuer und können ersatzlos entfernt werden.
  5. Fachwerkhäuser sind – nach einer Sanierung – viel heller als vorher. Früher gab es wesentlich mehr Fenster, die in späteren Jahrhunderten aus Wärmegründen zugemauert wurden. Nach der Sanierung sind sie wieder da und es ist wesentlich heller.
  6. Es kann sich in Fachwerkhäusern hervorragend leben und wohnen lassen. Das Wohnklima ist wegen der verwendeten Naturmaterialien (Holz, Lehm, Stroh, Ziegel) besser als in heutigen Neubauten.
  7. Ein saniertes Fachwerkhaus hat einen wesentlich höheren Wiederverkaufswert als ein baugrößengleicher Neubau.

Frau Dr. Verena Jacobi (von dem Unteren Landesdenkmalmt, das hier zuständig ist) kamen ungefähr folgende Aussagen:

  1. Um die Nutzung der momentan nur 2 m hohen Räume nach heutigen Erfordernissen zu erleichtern, wäre es möglich, die Kellerdecke (die ebenfalls teilweise neueren Datums ist, also nicht des Denkmalschutzes bedarf) herunter zu setzen und ebenso die Decke des Obergeschosses (durch ein neues Dach sowieso machbar) heraufzusetzen.
  2. Außerdem wäre auch eine Erschließung der Stockwerke über einen modernen Anbau möglich, so dass im Inneren kein Platz durch ein Treppenhaus verloren geht. (Das bedeutet allerdings auch, dass nicht notwendig ist, die vorhandene Treppe zu erhalten).
  3. Das Denkmalamt zahlt einen üppigen Zuschuß. (Es wurden ca. 100.000 € kolportiert.)

Weitere Informationen:

  1. Das Haus wurde um 1536/1537 gebaut und ist damit eines der ältesten, wenn nicht sogar das älteste Haus in Königstein.
  2. Der jetzige Eigentümer erstand das Haus ca. 2005.
  3. Gründe für den Denkmalstatus:
    • Das Alter.
    • Im Verhältnis sehr guter Erhaltungszustand.
    • Das Haus steht an der Ecke, an der der Höhenbach "verspringt": aus Richtung Kurbad kommend, floss er hinter den Häusern an der Hauptstraße entlang und versprang hier links vom Haus auf die Vorderseite, floss also "durch" die Hauptstraße. Nächster Punkt war dann die Mique ("Judenbad") gegenüber des Gerichts in der Gerichtstraße. Durch diesen Versatz des Höhenbachs ist das Haus etwas zurückversetzt und steht auch leicht "schräg".

Meine Meinung

Es ist schwierig. Die Haltung des Eigentümers ist verständlich, er scheut die große Geldausgabe, die höher ist, als ein vergleichbarer Neubau. Damit ist ihm vermutlich das Denkmal zu teuer, es rechnet sich nicht. Er übersieht dabei aber, dass er nicht allein über das Denkmal verfügen kann und darf, dass die Allgemeinheit da ein Wort mitzureden hat, und dass sich deswegen ein Denkmal auch nicht rechnen muss! Das muss ihm auch schon 2005 bekannt gewesen sein. (Und wenn nicht: Unwissenheit schützt vor "Strafe" nicht.)  Es ist möglich, dass er gehofft hat, mit dem "erfolgreichen" Abriss und historisierendem Neubau der Hauptstraße 31 könnte er das gleiche für sein Haus errreichen. Es wäre sogar möglich, dass er das von Anfang an so geplant hat. Nachdem ihm nun so heftiger Gegenwind ins Gesicht weht, sieht er nun natürlich seinen Plan den Bach runter gehen und zieht weitere Register: Transparent-Plane am Haus, Zeitungsartikel, Tag der offenen Tür (geplant laut Zeitung). Eventuell, hoffentlich nicht: Verrotten lassen.

Diese Einstellung des Eigentümers ist durchaus verständlich, gleichwohl aber nicht richtig. Es ist ihm anscheinend – wie meinem Bekannten in der Podiumsdiskussion – und den meisten (älteren Menschen?) nicht bewußt, wie weit der Einfluß des Gesetzgebers in ihr persönliches Leben wirklich reichen kann. Noch dazu, wenn man bedenkt, wie in früheren Jahren teilweise rigoros mit alten Häusern umgegangen wurde – warum sollte das jetzt anders sein? Die Zeiten haben sich geändert, der Bürgerwunsch (= Gesetzgeber/Gesetz) ist heute ein anderer.

Aber das Denkmalamt folgt letztlich auch nur dem Bürgerwillen, der Politik, und heute werden diese Sachen eben anders gesehen, als vor 30 Jahren. Frau Dr. Jacobi hat in der Podiumsdiskussion mehrmals betont, dass sie immer versucht, einen Kompromiss zu finden. Letzlich weiß sie auch, dass sie mit dem Besitzer mehr erreichen kann und leichter, als gegen ihn. Was übrigens auch geht...

Übrigens: Waren Sie schon mal in irgendeiner Stadt in den neuen Bundesländern? Chemnitz, Leipzig sind bekannt für aufwändige Sanierungen. Aber haben Sie auch kleinere Städte gesehen? Ich war neulich in Jena. Der Stadtkern: Viele, viele, alte Häuser, Gründerzeit, Jugednstil und älter. Sehr viele Bäume. Aber auch Straßen wie in Frankfurt mit Haus an Haus, dicht an dicht. Und eben fast alle Häuser aus der Jahrhundertwende. Nicht alle saniert, die meisten nur über die Jahre erhalten, vielleicht mal neue Fenster, ein neur Anstrich, das war es. WUNDER-, WUNDERSCHÖN! Da überkam mich echte Wehmut, so hätte es auch Königstein heute aussehen können. Aber hier wurde allerlei in den letzten 70+ Jahren abgerissen und neu gebaut. In den neuen Bundesländern fehlte – Gott sei Dank! – dafür einfach das nötige Geld.