Zweiter Weltkrieg und Antisemitismus

Antisemitismus ist leider ein immer wiederkehrendes Problem in unserer Gesellschaft. Allerdings beschleicht mich in letzter Zeit das Gefühl, dass die Diskussion darüber an der Ursache weit vorbei geht.

Da ist z.B. die Begriffsverwirrung um Antisemitismus. Landläufig – und so will ich diesen Begriff auch benutzt wissen – ist damit die Aggression gegen und die Ausgrenzung von Juden gemeint. Unglücklicherweise wird dabei die Ethnie und die Religionszugehörigkeit in einen Topf geworfen. Nach Belieben wird dann darunter Religionsfeindlichkeit oder Ausländerhass gegenüber Semiten verstanden, gemeint und dann wird versucht, damit die jeweilige Debatte zu beeinfluseen.

Das Ergebnis ist, dass die Diskussion auf „Nebenkriegsschauplätze“ abschweift und vom eigentlichen Kern des Problems ablenkt. So wird z.B. bemängelt, dass ja schließlich auch die Moslems judenfeindlich seien. Und somit auch antisemitsch seien. Was aber Nonsens wäre, da Moslems selbst Semiten seien, also ginge das ja nicht. Und dass man unter Antisemitismus deshalb eben den Wunsch verstehen müsse, Ausländer, also Semiten, egal woher und welcher Religion, nicht ins Land zu lassen. Von wegen Flüchtlingskrise und so. Damit sind die muslimischen Flüchtlinge an der Judenfeindlichkeit Schuld. So ein Quatsch.

Religionsfeindlichkeit – Fremdenfeindlichkeit

Es gibt deutsche Juden und deutsche Moslems, deutsche Katholiken und deutsche Protestanen. Und dann gibt es bestimmt noch deutsche Baptisten, deutsche Sieben-Tags-Adventisten, deutsche Buddhisten, deutsche Hinduisten, deutsche Sikhs und, und, und...

Manche werden nun denken, es aber niemals laut aussprechen: Ja aber...der Sikh, der hat doch eine dunkle Hautfarbe... Aha! Dann ist es nicht die Religion sondern die Hautfarbe? Aber nein, man sei doch nicht ausländerfeindlich!!! Genau das ist das Problem: dunklere Hautfarbe = Ausländer, „falsche“ Religion = Ausländer.

Damit sind wir beim Kern des Problems: Der bei vielen Menschen inhärenten Fremdenfeindlichkeit. Ich sage hier mit Absicht nicht Ausländerfeindlichkeit. Ich meine Fremdenfeindlichkeit: Wer nicht seit mindestens drei Generationen hier wohnt, hat den Mund zu halten.

Ich war relativ neu hier in Schneidhain, vor ein paar Jahren erst zugezogen. Und habe mich politisch engagiert. Da sagte mir eine Parteigenossin älteren Datums, dass ich doch hier nicht mitreden dürfe, weil ich ja erst zugezogen sei. Ich hatte eine andere Meinung als sie, das war das Problem und es war ihr Versuch, mich mundtot zu machen. Sicherlich hält man sich am Anfang zurück, wenn man neu in einer Gemeinde/Gemeinschaft ist, lernt, wie die Hasen laufen. Aber wie lange? Sechs Monate? Sechs Jahre? Wie lange ist lang genug? Wenn man anderer Meinung ist, ist es immer zu kurz.

Dem liegt aber eine ganz bestimmte Einstellung zugrunde: Du gehörst nicht zu unserer Gemeinschaft, Du bist neu, darfst deswegen nichts sagen. Ja, um Himmels willen, wie soll sich jemand integrieren, wenn er auf eine ablehnende Haltung stösst? Gar nicht, es geht nicht. „Es kann keiner in Frieden leben, wenn ihn der Nachbar nicht lässt.“

Lebensunwertes Leben

Tja, ich weiß nicht, ob Fremdenfeindlichkeit eine angeborene Verhaltensweise des Menschen ist, ich glaube es aber nicht, denn es gibt Menschen und Gemeinschaften, die nicht so sind. Es scheint mir eher eine kulturelle Eigenschaft zu sein. Eine Eigenschaft, der man in der Vergangenheit versucht hat, einen wissenschafltichen Unterbau zu geben: So ist Carl Gustav von Linné noch vor Charles Darwin der Vater der Rassenlehre gewesen. Das Surviving of the Fittest beschreibt nicht nur, dass die Starken überleben (was auch falsch ist nebenbei), sondern es impliziert dadurch auch, dass es eben Schwache gibt, die lebensunfähig, lebensunwert sind. Diese Überlegung hat man versucht anhand äußerer Merkmale zu beweisen: Hautfarbe, Nasenlänge, Kopfform usw. Damit ist man, wie man inzwischen anhand DNA-Sequenzierungen auch beweisen kann, kläglich gescheitert.

(Aus diesem Grund ist auch das Buch „Deutschland schafft sich ab“ rechtsradikal. Desnn es geht davon aus, dass Deutsch anders sind als andere. Was eben falsch ist.)

Beim Menschen gibt es keine Rassen. Allenfalls könnte man noch den Neanderthaler als Rasse bezeichnen, was er aber nicht war, er war eine andere Art.

Aber diese Vorstellung, Annahme, dieses Weltbild, dass es eben „lebensunwertes Leben“ gibt, diese Vorstellung mag vielleicht einer Gemeinschaft in einer Notsituation erlauben, Einzelpersonen, die aufgrund ihrer Krankheit, ihres Verhaltens eine tatsächliche Bedrohung darstellen, auszugrenzen. Aber bitte, wo müssen wir befürchten, morgen zu verhungern, weil nebenan ein Flüchtling, ein Andersgläubiger einzieht? Jeder wäre pikiert, würde man ihm unterstellen, dass er unsozial zum Nachbarskind wäre. Aber wird aus dem Kind ein behinderter Erwachsener, ist es was anderes? Und wenn der Nachbar sich als konvertierter Moslem entpuppt, dann ist das Abendland in Gefahr!

Genau diese Einstellung, dieses Weltbild hat es den Nazis ermöglicht, Juden als Gefahr der Deutschen zu stilisieren. Und nebenbei Roma und andere Ethnien, chronisch Kranke, Behinderte, Alkoholiker, Langzeitarbeitslose, homosexuelle oder bisexuelle Menschen auch, psychisch Kranke sowieso. Es wurden nicht nur Juden vergast, das wurde auch mit anderen Mitmenschen, die das Pech hatten, in das „lebensunwerte“ Muster zu passen, auch gemacht. Die grauen Busse und das System, das dahinter steckte, belegen auch hier die organisierte, pedantische, behördenähnliche Verwaltungsstruktur der Vernichtung „lebensunwertes Lebens“.

Exklusion

Heute wird beim Schimpfen auf das Dritte Reich – leider – sich entweder über die unsägliche „Judenvernichtung“ entrüstet oder über den Umgang mit wahlweise einer der anderen Gruppen. Dass aber das eine Grundlage für das andere war, bzw. beide dem gleichen menschenverachtenden, menschenunwürdigen Weltbild entspringen, wird eher nicht ausgesprochen. denn dieses Weltbild ist heute noch weit verbreitet. Ich nenne es Exklusion: Das Ablehnen derer, die den eigenen Normen, Wertvorstellungen nicht entsprechen. Exklusion ist ein Merkmal der deutschen Kultur, auf das ich gut verzichten kann.

Exklusion ist auch das Torpedieren der Inklusion, weil das Geld fehlt, dem Behinderten keine Rampe/Treppenlift etc.pp. gebaut werden kann, weil man ihn – ja, als Belastung empfindet. Oder ganz modern: Das eigene Kind dadurch weniger lernt. Insofern ist das Sortieren der Kinder auf verschiedene Schulen – Haupschule, Realschule, Gymnasium – schon an sich ein Unding, es ist gelebte Exklusion! (Im übrigen wurde nachgewiesen, dass Kinder vom Sortieren nicht profitieren. Das Sortieren ist das Paradebeispiel des Schubladendenkens.)

Im übrigen widerspricht Exklusion so ganz nebenbei auch dem deutschen Grundgesetz:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Kein Mensch darf wegen ... benachteiligt werden.

Und: Eigentum verpflichtet.

Das sollten eigentlich die Leitprinzipien der Deutschen sein. Sind es aber nicht. Warum sonst kann sich eine fremdenfeindliche Partei Alternative für Deutschland nennen? Fremdenfeindlichkeit ist keine Alternative, Fremdenfeindlichkeit verstößt gegen das Grundgesetz. Und wenn man genau hinschaut, ist auch die CSU keine deutsche Partei. Wäre sie deutsch, wäre sie nicht fremdenfeindlich oder religionsfeindlich. Denn das Aufhängen eines Kreuzes z.B. benachteiligt die anderen Religionen. Oder ist es in Bayern etwa erlaubt oder gewünscht, Symbole anderer Glaubensgemeinschaften aufzuhängen? Wo bleibt ... z.B. der „Judenstern“ in den bayerischen Verwaltungen???

Der Schutz der Minderheiten ist DIE herausragende Eigenschaft unseres deutschen Staatssystems, die AfD und CSU mit Füßen treten.

Leute, mir ist es egal, welche Religion oder Hautfarbe mein Nachbar hat. Die Religion ist seine Privatsache und geht mich nichts an und für seine Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Krankheit etc.pp. kann er genauso wenig, wie ich für meine Schuhgröße. Ebenso ist es mir wurscht, mit welcher Muttersprache er aufgewachsen ist, oder, oder, oder... Was mir wichtig ist, ist, was jemand tut oder nicht tut. Wie er sich mir gegenüber verhält. Ob er sozial ist. Ob ich ihn mag. Ob man sachlich diskutieren kann.

  • Mir sind Menschen zuwider, die über Ausländer schimpfen und sich dabei hinter ihrer eigenen (dunkleren) Hautfarbe verstecken, oder Menschen, die über Religionen zwar nicht schimpfen, denen aber die Feststellung wichtig ist, welche Religion der Verlobte der Schwester/Tochter/Enkelin hat.
  • Mir sind Menschen zuwider, die beim Neubau eines Hauses dieses nicht behindertengerecht planen. (Ja, auch ein Eigenheim – keiner lebt so lang wie ein Haus!)
  • Mir sind Menschen zuwider, die zwar eine soziale Schieflage (Ungleichgewicht der Bevölkerungs-/Einkommensgruppen) in der Stadt/Gemeinde erkennen, das aber nicht beheben wollen und im Gegenteil, das sogar noch gut finden und weitere Villen befürworten.
  • Mir sind Menschen zuwider, die in allem und jedem eine anti-/jüdische Verschwörung sehen wollen und deswegen nach Bedarf die Religion einer Person hervorheben, wenn diese Person zufällig eben Jude ist.
  • Mir sind Menschen zuwider, die meinen, dass Extrawürste für Juden richtig sind, weil den Juden ja so übel mitgespielt wurde im Dritten Reich. Okay, habe ich so nichts dagegen, aber dann hätte ich bitte auch gerne Extrawürste für Homosexuelle, psychisch Kranke, Alkoholiker, Langzeitarbeitslose, Roma usw....?! Und das wird dann abgelehnt...
  • Mir sind Menschen zuwider, die das Dritte Reich schrecklich finden und es im gleichen Atemzug schrecklich finden, wenn das eigene Kind mit einem Behinderten in einer Klasse ist.
  • Mir sind Menschen zuwider, die für Brot für die Welt spenden, aber Schockstarre bekommen, wenn nebenan ein Flüchtlingsheim gebaut werden soll.
  • Mir sind Menschen zuwider, die gegen das Fällen von ein paar Bäumen wegen eines Hausneubaus nebenan sind, aber einen Baum wegen der Aussicht aus dem Wohnzimmerfenster fällen lassen.
  • Mir sind Menschen zuwider, die den Bau eines Kindergartens als soziale Errungenschaft feiern, aber gleichzeitig nichts Schlimmes daran finden, dass Mehrfamilienhäuser oder eben der Kindergarten direkt neben eine Autowerkstatt, an eine Bundesstraße gebaut werden, damit die Villen hintendran die Abgase oder den Lärm nicht abbekommen.
  • Mir sind Menschen zuwider, die sich für besonders wertvolle Menschen halten, weil sie bei Charity-Organisationen engagiert sind. Und gleichzeitig eine konservative oder neoliberale Politik unterstützen, die nachweislich das Geld von unten nach oben verteilt. (z.B. Soli abschaffen/Einkommensteuer senken statt Mehrwertsteuer senken, Kinderfreibetrag erhöhen statt Kindergeld erhöhen usw.)
  • Mir sind Menschen zuwider, die Arbeitslose fördern und fordern wollen, aber Panik bekommen, wenn Besitzer leerstehender Immobilien ihrer sozialen Verpflichtung nachkommen sollen und lieber das Haus leer stehen lassen, weil die Rendite sonst so klein ist.
  • Mir sind Menschen zuwider, die die deutsche Geschichte ach sooo wichtig finden, aber sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass ihr Haus ein Denkmal sein soll, sie wollten es doch abreißen lassen...

Nun, ich habe, damit es sich gut anhört, immer wieder geschrieben, dass mir diese Menschen zuwider sind. Das ist nicht richtig. Oft ist es so, dass sich diese Menschen schlicht darüber noch nie Gedanken gemacht haben, sich selbst gegenüber ihre eigenen Ansichten nie in Frage gestellt haben. Diese Menschen sind mir nicht zuwider, denn es ist nicht ihre bewusste Entscheidung gewesen, sondern nur ihre ... Wie könnte man es nennen? Dummheit, Dämlichkeit, Ignoranz, Arroganz, Bigotterie?

Exklusion hat viele Gesichter. Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind nur zwei davon. Und konservative Wertvorstellungen bzw. konservative Politik helfen dagegen nicht wirklich. Die Liste lässt sich noch beliebig fortsetzen. „Dankbare“ Punkte sind z.B. noch Rüstungspolitik, sogenannte Wirtschaftshilfe für die Dritte Welt, Hartz VI, Drogentote vs. Alkohol/Zigaretten usw.